Sprache sichtbar machen
Im Dialog mit Cybèle Bouteiller-Schneider – professionelle Übersetzerin für Französisch mit Schwerpunkt Marketing
„Sprache sichtbar machen – zwei Berufe mit dem selben Ziel“
Unsere heutige Interviewpartnerin heißt Cybèle Bouteiller-Schneider, Übersetzerin und Gründerin von French Slogans.
Ich bin Roland Hick von Kontextpartner und berichte von diesem Gespräch. Ich habe Cybèle schon vor einiger Zeit kennengelernt und bin mit ihr im regelmäßigen Austausch. Dabei ist mir erst recht spät aufgefallen, dass ihre Arbeit und die Tätigkeit von Carmen überraschend viele Gemeinsamkeiten aufweisen.
Deshalb habe ich die beiden zu einem gemeinsamen Austausch eingeladen und ihnen Fragen zum Werdegang, Motivation, Freuden und Hürden im Berufsalltag gestellt.
Das war ein spannender Einblick und ich freue mich sehr, hier darüber zu berichten.

Beide Berufsbilder sind in der Öffentlichkeit nicht so bekannt und haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun: andere Zielgruppen, andere Auftraggeber, andere Inhalte, andere Methoden. Aber es eint sie die Begeisterung für Sprache, für Kultur, die Menschen und die Kommunikation.
Wie viele Parallelen sich beim Gespräch dann tatsächlich ergaben, hat mich doch überrascht.
Aber der Reihe nach.
Cybèle lebt in Baden-Württemberg am Bodensee und arbeitet seit über 5 Jahren als selbstständige Marketing-Übersetzerin mit Fokus auf Frankreich und die französischsprachige Schweiz. Sie hat schon mehr als 20 Jahre Erfahrung in dem Metier und ist nach einer zwischenzeitlichen Anstellung bereits zum zweiten Mal in der Selbstständigkeit.
Cybèle Bouteiller-Schneider, Übersetzerin
Ihre Kunden sind Übersetzungsagenturen und Direktkunden aus Deutschland und der Schweiz, für die sie z. B. Webseiten, Marketingtexte, Kampagnen und Kataloge übersetzt. Eine ihrer Spezialitäten ist die Umsetzung von Headlines deutscher Unternehmen, damit diese in Französisch verstanden werden und die gewünschte Wirkung erzielen.
Carmen und ihre Arbeit als Schriftdolmetscherin kennen Sie vermutlich bereits. Falls nicht, empfehle ich einen kurzen Blick auf ihre Über-Mich-Seite und einen späteren Blick auf die anderen Beiträge in diesem Blog.
Worum geht es jeweils?
Beide arbeiten intensiv mit sprachlichen Inhalten und verstehen ihre Arbeit als Vermittlung von Sinnzusammenhängen. Während Carmen sich auf das spontan gesprochene Wort einer oder mehrerer Personen bezieht, liegen bei Cybèle die Inhalte bereits schriftlich ausgearbeitet vor und sind nicht personenbezogen.
Beide müssen jedoch die Intention des Gesagten oder Geschriebenen erfassen und mit der genauen Kenntnis der jeweiligen Zielgruppe so aufbereiten, dass die enthaltene Botschaft verständlich wird und auch tatsächlich ankommt, d. h. dass die Kommunikation gelingt. Beim Schriftdolmetschen steht dabei der inklusive Gedanke im Vordergrund, also die Teilhabe für Menschen mit Einschränkungen in Live-Situationen, während es bei Cybèle zumeist um wirtschaftliche oder kulturelle Interessen geht, bei denen kein unmittelbarer Bezug zur Echtzeit besteht.
In den folgenden Clips schildern Carmen und Cybèle anhand aktueller Beispiele die Vielfalt ihrer Aufträge. Wobei deutlich wird, dass die fachliche Vorbereitung essentiell ist und beide sich häufig in neue Themen mit entsprechenden Fachbegriffen einarbeiten müssen.
Carmen benennt Einsatzszenarien
Cybèle erläutert die Bandbreite ihrer Aufträge
Wer beauftragt die Leistung und wer zahlt wofür?
Bei Cybèle ist die Beantwortung dieser Frage einfach, Auftraggeber und Rechnungsempfänger sind identisch. Entweder die beauftragende Agentur oder der Direktkunde zahlt nach vorher festgelegten Größen, z. B. für Wort- oder Zeilenkontingente. Bei den Direktkunden kommen zunehmend auch Paketpreise zum Tragen, für die vorab ein Gesamtpreis festgelegt wird.
Beim Schriftdolmetschen ist es recht kompliziert, weil die Rechnungen nicht von den Leistungsempfängern selbst, sondern von sogenannten Kostenträgern beglichen werden. Hierbei ist die Höhe der Vergütungen je nach Einsatzsituation an gesetzliche Grundlagen gebunden und in Verordnungen und Vereinbarungen geregelt.
Wie sind Qualität und Vergütung geregelt?
Da es um kreative Dienstleistung geht, ist bei beiden die Qualitätssicherung ein überaus wichtiger Aspekt. Zum einen erwarten die Kunden Kenntnisnachweise und Zertifizierungen, damit ein Auftrag überhaupt zustande kommt. Zum anderen muss aber auch bei jedem Einsatz die Qualität kontinuierlich überprüft und sichergestellt werden.
Vier-Augen-Prinzip
Dazu sind beide in unterschiedlicher Weise auf die Hilfe von zuverlässigen KollegInnen angewiesen, die im Vier-Augen-Prinzip die Leistung überwachen und ggf. korrigierend eingreifen. Dadurch und durch den zusätzlichen Einsatz von Werkzeugen und Tools entstehen technische Abhängigkeiten und auch weitere Kostenfaktoren.
Dabei ist zu erwähnen, dass Cybèle und Carmen in ihren jeweiligen Berufsverbänden engagiert sind. Diese definieren die Standards und viele Best-Practices, nach denen sich Qualität überhaupt nur objektiv bewerten lässt. Gleichzeitig befördern die Verbände auch lokale und überregionale Kontakte, und so haben beide ein Netzwerk von KollegInnen, deren eigene Schwerpunkte sie genau kennen, und die sie fallbezogen hinzuziehen bzw. auch empfehlen können.
Woher kommt die Motivation?
Für Cybèle dient ihre Arbeit nicht allein zum Broterwerb, sondern bietet ihr auch inhaltliche Erfüllung. Sie jongliert gerne mit unterschiedlichen Sprachen und sieht sich als Brücke zwischen den Kulturen. Ständig gibt es Herausforderungen und Neues zu lernen, weil sie immer wieder mit neuen Themen und unterschiedlichen Textgattungen konfrontiert ist. Und sie liebt es, dass dabei ihre eigene Kreativität gefordert wird.
„Das Wichtigste ist jedoch die Sinnhaftigkeit meines Berufs. Wenn Menschen durch meine Arbeit besser kommunizieren und sich verstehen, dann ist das mein Beitrag zur Völkerverständigung“
— Cybèle
Cybèle spricht über ihre Motivation
Die hohe Zufriedenheit durch die immer wieder bestätigte Sinnhaftigkeit kann auch Carmen bestätigen. Sie ergänzt, dass sie bei ihr noch durch die vielfältigen Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten vom Schulkind bis zum Rentner und auch mit den KollegInnen verstärkt wird.
Sie betont, dass es ihr, als gelernte Betriebswirtin, sehr wichtig ist, dass sie beim Dolmetschen den konkreten Bedarf der Nutzer in den Mittelpunkt stellt und „als Komplettpaket“ auch die Organisation übernimmt.
Wie sehen die Probleme und Schattenseiten im Arbeitsalltag aus?
So bereichernd es einerseits ist, finden sowohl Cybèle als auch Carmen die Kurzfristigkeit der Anforderungen und die ständig geforderte Flexibilität sehr herausfordernd und kognitiv anstrengend.
Cybèle macht die fehlende Planbarkeit zu schaffen. Es kommt häufiger vor, dass sie kurzfristige Anfragen ablehnen muss, die sie eigentlich gerne bedient hätte, weil sie gerade zu wenig eigene Kapazitäten frei hat. Zu anderen Zeiten ist es genau umgekehrt und es können Lücken entstehen. Das kann schon frustrierend sein und erfordert ein starkes Mindset.
Ein recht banaler Grund für die Dringlichkeit bei den Übersetzungen sind organisatorische Schwächen in der Beauftragungskette. Weil bei den Agenturaufträgen oftmals mehrere Abteilungen und Dienstleister, wie z. B. Werbeagenturen, mit im Spiel sind, führt das schnell dazu, dass sich bei Texten, die im Deutschen ursprünglich mit ausreichender Vorlaufzeit erstellt wurden, Zeitprobleme nach hinten aufsummieren und die für die Übersetzung vorgesehene Zeit am Ende auffressen.
„Dumpingpreise gab es in meiner Branche schon immer. Und das wird mit KI nicht besser.
Die ganze Übersetzungsbranche steht massiv unter Druck.“
— Cybèle
Dazu kommt, dass KI das Verständnis befördert, man könnte die Grundübersetzung billig in Sekundenschnelle von der Maschine erstellen lassen und der Profi müsste nur noch einmal „schnell drüber schauen“ und lektorieren. Das geht aber regelmäßig schief.
Organisatorische Fehlschläge beim Auftraggeber lassen auch bei Carmen öfter mal den Herzschlag steigen. Dank ihrer Erfahrung und den hilfsbereiten KollegInnen kann sie zwar etliche Probleme bereits im Vorfeld vermeiden. Terminausfälle oder Maßnahmen, die kurzfristig beendet werden, führen aber auch bei ihr zu nicht planbaren Lücken. Und dann gibt es auch im Jahresverlauf sehr starke Schwankungen. Hoch beanspruchte Monate, bei denen man Aufträge absagen muss, wechseln sich mit anderen ab, bei denen Kapazitäten ungenutzt bleiben.
Carmen findet es zudem irritierend, dass sie auch nach mehrjähriger Tätigkeit immer noch damit konfrontiert ist, dass ihr Arbeitsfeld sowohl bei betroffenen Hörgeschädigten, als auch bei den Kostenträgern so wenig bekannt ist. Beide Seiten kennen die bestehenden Rechtsansprüche nicht ausreichend genug und der negative Effekt wird dadurch verstärkt, das diejenigen, die für die Leistung zahlen müssen, nicht diejenigen sind, die sie empfangen und nutzen.
So hält auch hier das Thema KI Einzug und Veranstalter von Kongressen oder Foren setzen verstärkt auf automatisiert generierte Transkription mit Untertiteln und gehen davon aus, dass ihre Veranstaltung damit inklusiv und barrierefrei ist. Carmen sagt „Das ist aber überhaupt nicht das, was unsere Kunden brauchen.“
„KI bzw. Automatisierte Spracherkennung erkennt in Sprache ja keinen Sinn.
Wir Schriftdolmetscher geben Sinneinheiten wieder!“
— Carmen
Rückschau auf Veränderungen und Erwartung für die Zukunft
Ich wollte wissen, wie die Veränderungen und Entwicklungen der letzten Jahre, insbesondere seit Beginn der Corona-Pandemie ausgefallen sind. Was erwarten die beiden für die nähere Zukunft?
Carmen hat zu Anfang fast nur über Vermittlungsagenturen gearbeitet. Dadurch war sie nicht so nah dran an den Kunden und auch nicht in die Auftragsorganisation eingebunden. Seit ca. fünf Jahren, parallel mit Corona, konnte sie einen eigenen Kundenstamm und ihr Netzwerk aufbauen. Seitdem ist sie unabhängig, betreut viele Kunden selbst und wickelt komplette Auftragspakete ab.
Die wesentlichste Veränderung war jedoch der Wechsel von reinen Präsenzveranstaltungen hin zu regelmäßigen Onlineeinsätzen. Das wurde durch die Pandemie massiv befeuert und wir hatten das Glück, dass wir bereits im Vorfeld eine Online-Infrastruktur aufgebaut hatten. Seitdem wird sehr häufig in Semi-Präsenz oder rein online gearbeitet.
Unabhängigkeit realisiert
Cybèle war vor Corona noch fest angestellt und hat meist im Homeoffice gearbeitet. Seit 2020 ist sie wieder selbstständig und in den ersten eineinhalb Jahren auch ohne Akquise voll ausgelastet, vor allem durch Empfehlungen und Agenturaufträge. Die Pandemie hat also beim Start in die Selbstständigkeit nicht geschadet.
Jetzt ist sie vermehrt für Direktkunden tätig, was beglückender ist und weniger Abhängigkeit bringt. Dafür ist der Aufwand für Akquise deutlich gestiegen. Beglaubigte Übersetzungen wären zwar noch eine lukrative Nische, weil sie nicht mit KI erstellt werden dürfen. Aber das bietet sie nicht mehr an, weil dort wenig kreativer Raum bleibt.
Cybèle erläutert die Kundenstruktur
Carmen geht davon aus, dass der Bedarf für Schriftdolmetscher trotz technischer und medizinischer Entwicklungen für hörgeschädigte Menschen weiterhin bestehen bleiben wird. Aber die Sparzwänge der öffentlichen Hand werden zusammen mit KI-Angeboten das Marktumfeld schwieriger gestalten.
Anmerkung von mir: Wir alle drei sind uns einig darin, dass das Thema KI sehr präsent und umfangreich ist, und daher den Rahmen dieses Gesprächs sprengen würde. Deshalb kommen wir gerne ein anderes Mal darauf zurück.
Sprache sichtbar machen – Was nehmt ihr mit aus dem Gespräch?
Es ist erstaunlich, wie viele Übereinstimmungen diese beiden Berufsfelder mit ihrer Brückenfunktion zwischen Menschen doch haben. Insbesondere die Fokussierung auf die Zielgruppe und die Nutzerzentrierung sind ähnlich stark ausgeprägt.
Die beiden formulieren das im Originalton so anschaulich und mit solcher Leidenschaft, dass ich hier nicht „dazwischenschreiben“ möchte. Schauen und hören Sie doch bitte selbst.
Cybèle und Carmen über Sprachkultur und Kommunikation
Herzlichen Dank an Cybèle und Carmen für das Gespräch und an Sie für das Interesse.
Auf der zweisprachigen Website von Cybèle können Sie sich davon überzeugen, wie sie Sprache zum Glitzern bringt und bei ihren Arbeitsproben einen Blick auf die erstaunliche Vielfalt ihres Schaffens werfen.
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Bildquellen:
© Kontextpartner und Cybèle Bouteiller-Schneider – eigene Aufnahmen
